Die 100 Gedanken (to go) wurden über das Konferenz-Wochenende von Matthias Seier kompiliert und verfasst. Sie wurden als Abschlusslesung  und letzter Programmpunkt des Festivals von den Dortmunder Ensemblemitgliedern Merle Wasmuth und Andreas Beck vorgetragen.

 

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Digital gedachte Erzählungen und Dramaturgien für das 21. Jahrhundert müssen im besten Fall auch bloß mit drei Stühlen auf der Bühne und zwei Lichtstimmungen funktionieren.

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Warum mit Brecht noch gegen Trump agieren, wenn Kendrick Lamar es doch viel besser kann?

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Das Schauspiel Dortmund ist von einer „bestialischen Dynamik“, sagt Stadtkämmerer Jörg Stüdemann bei der Eröffnung. Wir erröten.

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„Alles, was wir verdrängen, ist immer im Raum präsent. Aus schmanistischer, jungianischer Perspektive ist ein Raum also nie leer. Und das ist das Spannende an Augmented Reality. Es geht darum, Verborgenes und Unterdrücktes sichtbar machen zu können.“

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Theater gehören auch zukünftig zu den analogsten Orten, die es geben wird. Denn Siri kann man keinen Witz erzählen.

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Nach dem Zeitalter der Aufklärung mit dem humanistischen Menschen im Mittelpunkt gilt es nun, eine Logik des Sprechens und Empfindens zu finden, die nicht bloß menschliche Akteure kennt.

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Augmented Reality ist die Königsklasse der digitalen Praxis. Ohne Liberalisierung der Game Engines ist es nicht denkbar.

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Und ohne Liberalisierung und Bereitstellung von Software ist ein nicht-privatwirtschaftlich orientierter Fortschritt eh nicht machbar.

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„Was nützen die besten VR-Brillen-Sets, wenn das Theater kein WLAN hat?“, fragt Marc Grandmontagne in seinem Grußwort. Antwort: Schon ziemlich viel. So wirklich gut funktionieren die mit ausschließlicher WLAN-Verbindung eh nicht.

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„Scheitern als Chance!“ Christoph Schlingensief, du fehlst.

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„Das Spannende bei Narrativen in 360°-Gestaltung ist: Man verpasst immer etwas. Und das finde ich eigentlich ganz schön, es ist wie im echten Leben. Da verpasst man auch ständig immer was.“

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Ist das WLAN zu langsam oder der Livestream-Avatar von Chez Company zu schnell?

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„Darstellende Kunst und Industrie 4.0 sind ja fast gleich. Nur: In der Industrie 4.0 steckt viel Geld drin.“

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Wann kommt das erste Theaterstück mit japanischen Pflegerobotern auf die Bühne? Wann ist der erste Pflegeroboter gleichberechtigtes Mitglied eines Ensembles? Wann Intendantin? Wann Kulturminister? Wann Kanzlerin?

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Minus vier Grad draußen, und gefühlte dreißig Grad drinnen. Digitalität schön und gut: gegen sibirische Kälte hilft nur analoge Wärme.

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Motion Capture. Also auf deutsch: Bewegung einfangen. Bewegung erbeuten. Bewegung zähmen. Bewegung erobern.

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„Die Produktionsmittel der Kunst sollen in den Händen der Produzierenden von Kunst liegen.“

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„Das Theater hat Glück, dass es Netflix gibt, denn dadurch wird das erzählerische Kino anders und das ist die Chance, dass das erzählerische Theater anders werden kann.“

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„Das Verlagern einer Seele in einen technischen Apparat ist immer zwiespältig: stirbt dabei die Seele oder wird sie dabei geboren?“

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Wenn die Avantgarde realisiert wird, dann ist sie nie utopisch.

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Das Beispiel dazu: Die Utopie der Hippie-Avantgarde – ein freies Netz für freien Informationsaustausch – hat sich mit dem Internet und Social Media realisiert. Nur halt eben nicht als Utopie.

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Friedrich Kirschner, frei nach Pina Bausch: „Forscht, forscht, forscht, sonst sind wir verloren.“

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Mal ein bisschen Dystopie: durch den Wandel zur Arbeitsgesellschaft 4.0 werden unzählige Arbeitskräfte freiwerden, und diese werden ja nicht automatisch kreativ tätig. Sind wir darauf vorbereitet?

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In der alten Zeit waren die Maschinen und Technologien die Weiterführung unserer Körper. Heute stehen wir an der Pforte zum Zeitalter, in dem unsere Körper die Weiterführung von Maschinen und Technologien werden könnten.

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Die Produktionszeit von 6, 7 Wochen bis zur Premiere lässt nicht Zeit für Experimente, für technische Versuche, für neue Vernetzungen. Für sowas braucht es Experimentierfelder und bessere Netzwerke, auch zwischen verschiedenen Theatern.

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Spürbares Atem-Anhalten im Raum, als eine Teilnehmerin die Worte „der Konferenz“ so ausspricht, dass es kurz wie „Dercon“ klingt.

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Zitat eines Teilnehmers: „Ich dachte, es gibt am Samstagvormittag Pecha Kutcha-Vorträge, wo die Leute unter Zeitdruck zwanzig Slides zeigen müssen. Stattdessen gab es zwölfmal Eigenwerbung.“

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Passend: sobald es beim Immersion-Versus-VR-Seminar um die drohende Abschaffung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in der Schweiz ging, wird eine minutenlange Detonation einer Atombombe eingespielt.

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Und natürlich war diese minutenlange Detonation einer Atombombe aus der neuen Twin Peaks-Staffel, was das nur noch besser machte.

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Support Your Local Hacker Club!

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Was noch fehlt: Die künstliche Dramaturgen-Intelligenz, die durch Analyse von Tausenden fremdsprachigen Theaterkritiken die eine bolivianische Nachwuchsregisseurin entdeckt, die keiner in Europa bisher auf dem Schirm hatte.

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Die Dramatiker-KI, die für diese Regisseurin das bestmögliche Stück schreibt, indem es tausende renommierte Dramen auf die besten Momente hin untersucht.

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Die andere Dramaturgie-KI, die durch Deep Learning daraufhin direkt die beste Strichfassung des Stücks erstellt.

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Die Inspizienten-KI, die basierend auf Algorithmen misst, wann das Publikum bei den Aufführungen besonders viel gelacht hat, besonders aufmerksam war, besonders viel gehustet hat.

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Aus der Messung diese Daten heraus die nächste Spielzeit und alle Besetzungen planen.

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Diesen Spielplan perfekt zielgruppenorientiert bewerben lassen durch die Öffentlichkeitsarbeit-KI.

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Resultat: eine konstante Auslastung von 100%, nie wieder wird ein Theater geschlossen, Technik macht’s möglich!

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Schön war es, als Marco Donnarumma erklärte, dass seine Amygdala-Installation in Wahrheit aus Kokosnussöl und Stärke besteht.

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Und noch schöner war dann der freudige Zwischenruf einer Zuhörerin: „Ah, dann kann man deine Installation also auch essen?“

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„Die Welt wird geteilt werden in Admins und User. Und man sollte probieren, Admin zu werden, denn User wird man eh schon von ganz allein.“

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Die Zielsetzung von Theatern darf nicht stets bloß auf die nächste Intendanz gedacht werden, sondern in einem größeren Rahmen: wie soll sich dieses Theater über die nächsten 25, 30 Jahre entwickeln?

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Mario Klingemann über die Präsentation seiner Arbeit: „Katzen sind halt besser als Formeln.“

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„99% der deutschen Theatermitarbeiter wollen täglich gute Arbeit machen. Doch das Grundproblem, weshalb man oft an Grenzen stößt, ist die Angst vor Fehlern. Versagensängste machen technischen Fortschritt unmöglich.“

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„Heute applaudieren wir den Robotern.
In 30 Jahren applaudieren die Roboter uns.“

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Maschinen können lernen. Aber sie wissen nichts, sie spüren nichts. Sie erfahren nichts. Sie wissen nicht mal, dass sie existieren. Künstliche Intelligenz ist ein PR-Begriff aus den 50ern. Und dennoch halten wir daran fest, obwohl er wörtlich nicht haltbar ist.

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Antworten erzeugen Antworten. Befehle erzeugen Befehle. Fragen erzeugen Fragen.

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Vielleicht wäre der letzte Alien-Film mit einer Hololens doch noch ganz spannend geworden, denke ich, während ich außerirdische Metallviecher abknalle, die aus den Heizungsrohren eines ehemaligen Klassenzimmers hervortreten, als wäre das was völlig Alltägliches für sie.

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Was langfristig niemandem etwas bringt: dogmatische Skeptikerpose, altlinker Technikpessimismus, zu simple Gut-und-Böse-Denkschemata.

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Facebook bleibt aber trotzdem ein Arschloch.

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Jetzt mal ehrlich, ist Digitalität überhaupt ein Wort? Also im Duden steht’s nicht.

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Bei der Konferenzeröffnung stand Max, der von außen steuerbare Avatar von Chez Company, an den Fenstern. Da die Luft im Saal nach einer Zeit stickig wurde, versuchte Dramaturgin Anne ihm mehrfach zuzuwinken, das Fenster zu öffnen, doch er bemerkte es nicht. Der einzigen Person des Festivals, der man digital Befehle geben darf, analog also keinen einzigen Befehl vermitteln zu können, ist eine sehr schöne Metapher. Ich weiß nur nicht genau, für was.

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Wir müssen eine neue digitale Dramaturgie erfinden.

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Die Technologie muss künstlerisch notwendig sein, und nicht bloß ein Accessoire, das ein Regisseur als Gimmick am Ende noch rausschmeißen kann.

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„Kleiner Hilferuf in den Orkus: kann jemand irgendwie die Lichter ausmachen, wenn die Videos abspielen? Ich weiß nicht, wie das geht.“

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Die Deutsche Theatertechnische Gesellschaft hat den Begriff THEATER 4.0 entworfen, weil „2.0“ und „3.0“ bereits von Industrie und Privatwirtschaft verschlissen wurden.

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„Der Versuch, partizipative Momente zu erzeugen, kann peinlich werden. Wer spricht auf Aufforderung schon Sätze nach? Jenseits von Nazis?“

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Es war zwar lecker, aber ein bisschen Angst vor dem pechschwarzen Brot hatte ich schon.

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Freifunk für alle Theater! Jetzt!

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Und damit ist nicht kommerzielles WLAN gemeint, in das man sich eigens einloggen muss, damit man es 60 Minuten am Tag nutzen darf.

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Auf Dauer wird es nicht reichen, nach jeder Premiere auf Instagram den Premierenapplaus mit dem Hashtag #LäuftBeiUns oder #PremiereGerockt abzufilmen.

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Wenn ich einen Wunsch hätte für die Akademie, dann würde ich mir wünschen, dass Diversität eine deutlich größere Rolle spielt.

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Werdet Mitglied in den Facebook-Gruppen „Bühnenkollegen“ sowie „Theater und Digitaler Wandel“.

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Sven Thöne über die Arbeit an William Forsythes Kunstinstallation „Black Flags“: „Der magische Moment kam dann, als wir uns dann entschlossen haben, dass es nicht mehr eine Installation für Flaggen und Roboter-Arme ist. Sondern nur noch eine Choreographie von Flaggen und Luft.“

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Ab sofort muss man Stücke nur noch so inszenieren wie GAN-Netzwerke: der eine Datensatz besteht aus den größten Theatermonologen der Literaturgeschichte, der andere besteht nur noch aus den größten Bildern der Kunstgeschichte. Das vermengt eine Künstliche Intelligenz dann miteinander. Am Ende packt man die Highlights auf die Bühne. Kann nix mehr schiefgehen. Theatertreffen, wir kommen!

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War das Podium am Samstagnachmittag eine wegweisende Diskussion über die Zukunft des Theaters oder waren das angry white men? Zweigeteilte Meinungen, wohin man hört.

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Alle Glaubensgemeinschaften kennen Rituale der Wiederholung und Rituale des Schmerzes. Was für ein Effekt stellt sich ein, wenn wir diese Rituale auf Robotik, auf nicht fühlende Maschinen übertragen?

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In Amerika werden die Master-Studenten teilweise schon für ihre Forschung bezahlt. Ich wüsste gern, wie man das in Deutschland hinkriegt, dass man für deren Forschung bezahlt.

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Arthur Schopenhauer im Jahr 1893 über Diskussionen auf Facebook: „Kritiker gibt es, deren jeder vermeint, bei ihm stände es, was gut und was schlecht sein solle; indem er seine Kindertrompete für die Posaune der Fama hält.“

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Was würde wohl Ray Kurzweil von dieser Konferenz halten?

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Coding und Programmieren ist ein schöpferischer Beruf. Genauso schöpferisch wie Schriftstellerei.

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Und deswegen gehören Programmierer ans Theater!

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Voxi Bärenklau: „Wenn ich als Künstler an ein Haus komme, wird mir vorher seitens der Abteilungen erstmal erklärt, was alles NICHT geht. Das ist ein seltsamer Vorgang für einen Ort, bei dem es um Innovation gehen soll.“

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Das Livestreamen von Theatervorstellungen – vor drei Jahren sprach da gefühlt jeder von. Und jetzt?

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Meinung auf Twitter: in den Debatten der Konferenz fehlt ein bisschen das Bewusstsein für Open Source, Maintenance, Sharing & freie Entwicklung.

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Die Geister und Gespenster gingen immer mit der Mode. Der Spiritismus wurde nur durch die neu geschaffene Fotografie massenwirksam. Ab den 60ern lauschte man Stimmen aus dem Jenseits via Tonbandgeräten oder durch Feedback-Loops im Videogerät. Im Horror-Genre boomen die Filme, in denen das Paranormale sich Zutritt zu Webcams und Skype-Gesprächen verschafft.

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Welche Geister werden in Virtual Reality spuken? Lässt sich das Jenseits digitalisieren?

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Und: Wenn sich das Jenseits digitalisieren ließe, sähe es dann so aus wie Mario Klingemanns großartige Neurographien?

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#FreeThemAll.

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Das Problem, laut Wesko Rohde: Theater reagieren nur noch, und agieren nicht mehr.

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„Das Theater als Residuum des Analogen ist angezählt.“

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Eine Teilnehmerin zu mir: „Es gibt keine technologiefeindlichere Zone als das Kinder- und Jugendtheater.“

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„Man darf den ‚Big Playern‘ wie Apple, Google oder Microsoft nicht die Herrschaft über die digitale Welt überlassen. Es geht um Selbstermächtigung, darum mitzubestimmen und die digitale Welt mit anspruchsvollen und kulturellen Inhalten zu füllen – Kunst und Technik können da voneinander profitieren.“

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In der virtuellen Realität können Bühnen hunderte Meter groß und hoch werden. In der analogen Realität wären die Werkstätten da erstmal skeptisch.

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Doch man darf sich von Spektakel und Größenwahn nicht betören lassen: in der VR droht es manchmal, Sprache, Inhalt und Präsenz der Schauspieler zu vergessen.

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Die wahren Kosten für eine gute VR-Applikation liegen nicht in der Hardware, meint Sebastian Marwecki. Sondern die wahren Kosten sind der dafür notwendige Raum!

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Was sonst früher in der Post-Produktion von Filmen in wochenlanger Arbeit berechnet und hergestellt werden musste, ist heutzutage in Echtzeit auf der Bühne möglich!

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In der virtuellen Realität sind Live-Theaterinszenierungen möglich, in allen denkbaren Bühnenbildern, mit allen denkbaren Kostümen. Die eine Schauspielerin ist in Australien, der andere Schauspieler in Dänemark, und das Publikum weltweit vor den Laptops.

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Alle komplexen Schritte, die vorher von IT-Industriezweigen abgedeckt wurden, sind durch Paradigmenwechsel kleiner und bedienbarer geworden. Und dadurch werden sie auch für Theater und für kleine Künstlergruppen machbar. Hat man das richtige Grundwissen und den richtigen Work Flow, ist Arbeit mit VR oder AR grundsätzlich jedem möglich. Man darf sich von der Pseudo-Komplexität dieser Techniken nicht verschrecken lassen.

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Sollte man pro Spielzeit vielleicht eine Studio-Inszenierung weniger planen und das Budget dafür in eine Webserie oder in fünf virale Videos stecken?

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„Man muss beim Motion Capturing die Körpergröße der Spielerin einmessen, sonst kann der Avatar später nicht klatschen.“

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Optimistischste Nachfrage bei einem Workshop überhaupt: „Okay, und habt ihr schon einen Überblick über – die Zukunft?“

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Wie würde eine komplette analoge Re-Inszenierung von 4.48 Psychose aussehen? Kommt der Regie-Assistent alle fünf Minuten auf die Bühne und misst umständlich den Blutdruck mit Manschette?

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Themenbereiche bei der Präsentation von Moritz Simon Geist:
“ Futurismus.
Spekulation.
Drogen.“

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Es gibt vier verschiedene Zukunftsvektoren: die mögliche und denkbare Zukunft (ein sehr großer Trichter), die plausible Zukunft (ein immer noch großer Trichter), die wünschenswerte Zukunft (ein mittelgroßer Trichter), und die wahrscheinliche Zukunft (ein sehr kleiner Trichter).
Übrigens: die Überschneidung von wünschenswerter und wahrscheinlicher Zukunft ist leider sehr, sehr klein.

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Ohne den Job, den die Clickarbeiter auf den Philippinen machen und die das Netz von Gewalt und Pornografie säubern, wäre das Internet ein völlig anderer Ort.

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„Reddit ist noch nicht der größte Abschaum im Netz. Das wäre vermutlich 4chan. Aber aus dem ekligsten Sumpf kommen halt auch oft die meisten Kaulquappen.“

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Wie im Kalten Krieg: Die Mitarbeiter, die gemeldete Facebook-Videos sichten und löschen müssen, müssen offiziell als Codewort angeben, sie arbeiten für den „Honigdachs“.

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Durch Style Transfer kann heutzutage jeder Künstler per Mausklick wie jeder andere Künstler klingen. Dein schlechter Popsong klingt direkt nach Beatles-Meisterwerk. Deine Heavy Metal-Platte klingt direkt nach Kuschelrock, sobald die AI mitbekommt, dass du im Bett liegst. In der Zukunft wird Musik dadurch von so hoher Qualität sein, dass sie nicht mehr als Kunstform wahrgenommen wird.

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Zum Abschluss der große Rainald Goetz: „Don’t cry – work!“

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So. Und jetzt geht raus und forscht.